Newsletter Juni 2012 Fascia News

Fascia Research Group - Newsletter Header
spacer
FASCIA NEWS
Ein sporadischer Infobrief der Fascia Research Gruppe der Universität Ulm
spacer

Sehr geehrte Kollegen,

Wenn Sie diesen ersten Infobrief von uns erhalten, dann haben Sie uns irgendwann einmal Ihr aktives Interesse an unseren Veranstaltungen oder Produkten mitgeteilt. Wir planen diese FASCIA NEWS zwischen 1 und max. 4 mal pro Jahr zu versenden. Wenn Sie daran nicht oder nicht mehr interessiert sind, antworten Sie einfach auf diese Email mit dem Wort "ABMELDEN" im Text oder Sie können sich auch direkt am Ende des Infobriefes abmelden.

spacer

Highlights vom internat. Faszienkongress in Vancouver

Der dritte Fascia Research Congress (Vancouver 28.-30.3.12) war auf vielen Ebenen ein grosser Erfolg. Mit 800 Teilnehmern aus über 40 Ländern war der Event bereits lange im Voraus ausverkauft und war auch inhaltlich ein grosser Erfolg. Einer der beeindruckendsten Redner war Gerald Pollack (Univ. Washington), der die Unterschiede zwischen ungebundenen 'freien' Wasser (wie im Blut, Lymphen, Ödemen) und dem sog. 'gebundenen' Wasser im Körper beschrieb, das sich in der Nähe von Wasser anziehenden (z.B Kollagen, Hyaluronan) oder Wasser abstossenden Grenzflächen (z.B. Elastin) befindet. In einer gesunden Bindgewebs-Matrix sind offensichtich die Mehrheit der Wassermoleküle in einem gebundenen Zustand. Dadurch zeigen sie signifikant veränderte viscoelastische Eigenschaften, ähnlich einem flüssigen Kristall. Es gibt konkrete Hinweise (noch keine Beweise), dass myofasziale und bewegungstherapeutische Behandlungen diese Verhältnisse in Richtung auf einen erhöhten flüssigen Kristall-Anteil im Bindegewebe verändern.

Faszienkongress in Vancouver

800 Teilnehmer beim Faszienkongress in Vancouver. Hier bei einer aktiven Dehnungspause mit Divo G. Müller

Das traf sich gut mit einer Aufsehen-erregenden Neuigkeit zur Mechanosensation. Hintergrund: Mechanische Gewebe-Stimulationen haben eine Einfluss auf die Bindegewebs-Zellen. Je nach den lokal einwirkenden Zug-/Druck-/Scher-Kräften verändern diese Zellen dann ihre Matrix-Regulation, also den Auf- u. Abbau von Kollagen, Elastin u. Grundsubstanz. Seit einigen Jahren werden hierbei mit grossem Eifer die molekularbiologischen Schnitt-Stellen gesucht, die für die Übersetzung der mechanischen Impulse in biochemische zelluläre Vorgänge verantwortlich sind (Mechanosensation). Solche Verknüpfungsstellen wurden z.B. in spezifischen Aktinfasern innerhalb der Zelle gefunden sowie auch in verdickten Andockungsstellen an der Zellmembran. Erst vor kurzem wurde aber zur allg. Überraschung entdeckt, dass die eigentlichen Fühler dafür sich ausserhalb der Zellmembran befinden: es sind die sogenannten Cilien. Damit sind die unzähligen flauschartigen Flimmerhärchen gemeint, die den Urzellen zur Fortbewegung im Ozean dienten und die immer noch die meisten Zellen an Ihrer Außenseite als bewegliche Fühler (für Flüssigkeitsbewegungen) bekleiden.

Interessanterweise ist die Sensibilität der Zellen besonders empfindsam für den 'Fluid Shear' - also für die Bewegung der sie umspülenden Flüssigkeiten. Offenbar passiert sogar ein grosser Teil der Mechanosensation gar nicht über das direkte Gestreckt-Werden der Zellen selbst (wie man bisher angenommen hatte), sondern über die sanfte Stimulation der nach außen gerichteten feinen Cilien durch die Bewegungen der sie umgebenden Flüssigkeit.

Der Clou: seit dieser neuen Erkenntnis lassen sich etliche Körpertherapeuten bei der Durchführung ihrer Griffe von dieser neuen Vorstellung inspirieren: dem wohldosierten Umspülen - oder 'Cilien-Streicheln' - der eingebetteten Fibroblasten in dem behandelten Gewebe. Timing u. Geschwindigkeit dieser Bewegung erscheint dann oft noch wichtiger als die Präzision in Richtung und Belastungsstärke.

Bindegewebszellen

Bindegewebszellen erspüren die einwirkenden mechanischen Zugkräfte vorwiegend mittels ihrer Flimmerhärchen, sog. Cilien.

Neuigkeiten gab es auch zum Thema 'Faszien als Sinnesorgan'. So konnte Carla Stecco und ihr Team von der Universität Padua berichten, dass die Retinaculi (Fesseln) an den Füssen eine besonders hohe Dichte mit sensorischen Nervenendigungen besitzen, ebenso wie die der Handgelenke. Dafür ist deren mechanische Bedeutung (Fixierung bzw. Umlenkung der Sehnen) deutlich geringer als bisher vermutet. Umgekehrt sind kräftig belastete Faszienanteile (wie das breit auslaufende Ende des Bizeps am Unterarm) nur recht spärlich mit Dehnungsrezeptoren bestückt. Diese Erkenntnis verspricht natürlich interessante Implikationen für Chirurgen, aber auch für Bewegungstherapeuten die gezielt zu einer Verbesserung der Körperwahrnehmung beitragen wollen.

Besonders grosse Anerkennung fand auch der Bericht des amerikanischen Neurophysiologen Geoffrey Bove, der zusammen mit der Massagetherapeutin Susan Chapelle (Kanada) im Tierversuch nachwies, dass postoperative Adhäsionen im Bauch von Ratten durch eine tägliche myofasziale Bauchmassage wirksam gelöst werden konnten. Nicht nur das ... bei vielen Tieren konnte eine frühzeitig einsetzende sanfte Behandlung kurz nach der Operation das Entstehen solcher üblichen Adhäsionen sogar deutlich verhindern.

spacer

Neue Bezugsquelle für Faszien-Literatur, Filme, etc

Im Zusammenarbeit mit der Somatics Academy GbR München sowie der Herold Auslieferungs- & Service GmbH konnten wir ein effizientes System zum Vertrieb von interessanten Büchern, DVDs u. anderen Produkten einrichten. Darüber ist ein besonders zügiger Versand auch ausländischer Artikel möglich. Die Webseite wird noch weiter ausgebaut, funktioniert aber bereits prächtig: www.fascialnet.com . Vermutlich ab August werden darüber hochwertige Video-Aufzeichnungen aller drei stattgefunden Faszienkongresse erhältlich sein, sowie auch die Abstraft-Bände dazu. Neu hinzugekommen zum Sortiment ist z.B. das beindruckende Buch 'Dynamic Body - Explorier Form, Expanding Funktion' von Erik Dalton. Viel beachtete und faszial orientierte Kapitel darin stammen von Adjo Zorn ('Dynamic Walking' und Serge Gracovetsky ('Spinal Engine').

spacer

Neues Lehrbuch über Faszien

Besonders freut uns, dass seit dem Vancouver-Kongress das neue Buch erschienen ist 'Fascia - The Tensional Network of the Human Body. The Science and Clinical Applications in Manual and Movement Therapies'. Mit über 500 Seiten und 87 Autoren ist es den 4 Herausgebern - Chaitow, Findley, Huijing, Schleip - gelungen, nicht nur den aktuellen Stand der medizinischen Grundlagen übersichtlich zusammen zu fassen, sondern auch die wichtigsten faszial-orientierten Therapierichtungen zu beschreiben. Kein Wunder, dass die Erstellung dieses umfassenden Lehrbuch fast 4 Jahre intensiver gemeinsamer Arbeit in Anspruch nahm ... zum Leidwesen der Verlagsbetreuerinnen, sowie Lebensgefährtinnen. Doch das Ergebnis hat sich eindeutig gelohnt; bitte überzeugen Sie sich selbst: über unseren neuen Shop fascialnet.de ist das Buch derzeit zum einmaligen Sonderpreis von nur €39,90 erhältlich.

Cover

Das erste umfassende Lehrbuch über Faszien. Über 500 Seiten, vollgepackt mit Grundlagen-Wissen und aktuellen Infos.

spacer

Messung biomechanischer Faszieneigenschaften mittels Myotonometrie

Lange haben wir nach so etwas gesucht. Seit wenigen Tagen ist unsere Arbeitsgruppe in Ulm stolzer Besitzer eines MyotonPro Gerätes. Dies ist das derzeit höchst entwickelte tragbare Gerät zur Messung biomechanischer Eigenschaften von hautnahen myofaszialen Geweben am lebenden Menschen. Unser Stuttgarter Kollege Christopher Gordon (center-gordon.de) konnte bereits auf der Konferenz in Vancouver von ersten beeindruckenden Messergebnissen mit diesem handlichen Gerät in der Behandlung von myofaszialen Triggerpunkten berichten. Nicht nur im Bereich Manualtherapie, sondern auch für Narbenbehandlung, Bewegungstherapie, Rehabilitation, etc. ergeben sich hiermit spannende Kollaborations-Projekte für uns.

Ebenso vielversprechend, wenn auch noch etwas weniger ausgereift, sind unsere Versuche Veränderungen des exta- und intrazellulären Wassergehalts im Gewebe mittels bioelektrischer Impedanz-Messung zu erfassen. Über vier aufgeklebte Klebe-Elektroden auf der Haut wird hierbei der elektrische Widerstand im Gewebe gemessen und kleinste Widerstands-Veränderungen bei unterschiedlichen Frequenzen erfasst. Sofern die Anzahl der Festkörper in dem gemessenen Bereich in der Zwischenzeit nicht verändert ist, kann man so Rückschlüsse ziehen über evtl. Volumenveränderungen der flüssigen Elemente. Erste Messungen mit myofaszialen Behandlungen der Plantarfaszien, die wir betreuten, zeigten bereits deutlich messbare Ergebnisse. Unsere Hoffnung: die Entwicklung hochsensibler u. zuverlässiger Messinstrumente für den Einsatz in der klinischen Praxis, mit denen Forschungs-interessierte

Therapeuten die Wirkungen unterschiedlicher Manual- od. Bewegungstherapie am lebenden Patienten untersuchen können.

MytonGordonFoto

Das MyotonPro im klinischen Einsatz. Höhere Tastgenauigkeit für Festigkeitsveränderungen als ein hochsensibler Osteopath? Bildabdruck mit freundl. Erlaubnis von C.Gordon

spacer

Connective Tissues in Sports Medicine' Symposium April 2013

Es ist soweit, die Vorbereitungen für ein erstes internationales Symposium über Bindegewebs-Aspekte in der Sportmedizin laufen auf Hochtouren, und die Nachfrage lässt bereits jetzt einen hochwertigen u. weltweit beachteten Event erwarten. Dieser Kongress findet in englischer Sprache an der Universität Ulm statt und richtet sich an Sportmediziner, Sport-Physiotherapeuten, Fitness Trainer, Yoga/Pilates Lehrer, Heilpraktiker, sowie andere Berufsgruppen, die sich mit der Betreuung von Berufs- u. Freizeitsportlern beschäftigen. In enger Zusammenarbeit mit der Sektion Sportmedizin der Universität Ulm ist es uns gelungen, die weltweit hochkarätigsten Vertreter der wichtigsten Forschungsrichtungen für dieses Gebiet zu finden.

Weiter Informationen finden Sie unter: www.connect-ulm2013.com

spacer

Fascial Fitness Kurse im (oder zum?) Abheben

Die von uns in Zusammenhang mit Sport- u. Bewegungstherapeuten entwickelte Ansatz eines gezielten Übungsprogramms zur Stärkung der Festigkeit u. Elastizität der Bindegewebe scheint eine Eigendynamik zu entwickeln, die wir so nicht erwartet hatten. Unter dem Begriff 'Fascial Fitness' geht es hierbei um erste Anregungen für ein Training, bei dem die bisherige sportliche Betonung auf die Triade 'Muskel-Kräftigung, kardiovaskuläre Kondition, neuomuskuläre Koordination' ergänzt wird um die kollagenen Strukturen (Bänder, Kapseln, Sehnen, Faszien, ..) gezielt anzusprechen. Die meisten der derzeitigen Kurse sind bisher ausgebucht und wir versuchen ohne Qualitätsverlust möglichst zügig weitere Faszien-Trainer in ihrer Qualifizierung zu unterstützen, so dass bald mehr Lehrkräfte zur Verfügung stellen. Leider müssen wir derzeit viele Nachfragen von Weiterbildungs-Instituten ablehnend behandeln, solange wir noch nicht genügend zertifizierte Lehrer haben. Interessenten mit Lehr-Ambitionen und Spass an kreativer Pionierarbeit daher bitte melden bei www.fascialfitness.de

Covergirlm

Beim Fascial Fitness geht es um Bewegungen, die primär auf die elastische Spannkraft der kollagenen Bindegewebe ausgerichtet sind, um diese zu einer optimalen Erneuerung anzuregen.

spacer

Fascia Research Society

Der Erfolg des dritten internationalen Faszienforschungskongresses war die letzte Bestätigung dafür, dass es Zeit ist für eine gezielte Koordination u. Vernetzung der weltweiten Forschungsbestrebungen sowie der Forschungs-Interessenten. Mit grossem Zuspruch wurde dort von Dr. Thomas Findley die Geburt einer Fascia Research Society angekündigt. Etliche Therapieschulen (z.B. das Kinesis Institut von Thomas Myers) haben sofort ihr Interesse nach einer assoziierten Mitgliedschaft angemeldet, in der die jeweilige Ausbildungsstätte z.B. die Mitgliedsgebühren ihrer Ausbildungsabsolventen in den ersten 3 Jahren übernimmt, so dass diese gleich zu Beginn ihrer beruflichen Karriere von den Vorzügen einer Mitgliedschaft profitieren können. Für den passwortgeschützten Mitgliederbereich der Society Webseite ist derzeit eine riesige Online-Datenbank im Entstehen. Weitere Aktivitäten umfassen das Angebot zur professionellen Beratung bei eigenen Forschungsvorhaben, die Einrichtung von Journal Clubs (zur fokussierten Diskussion gemeinsamer Themen in der aktuellen Literatur) und die Durchführung von Webinars. Nähere Infos unter:

www.fasciaresearchsociety.org

spacer

Kurs mit Paul Hodges (Australien) am 1./2. Sept.

Last not least sind wir stolz darauf, ankündigen zu können, dass es uns gelungen ist, den wohl bekanntesten internationalen physiotherapeutischen Forscher & Therapeuten Prof. Paul Hodges (Australien) für einen Wochenendworkshop in Ulm zu gewinnen. Jetzt ist es endlich spruchreif und eine Web-Platform mit Anmelde-Möglichkeit ist auch schon online. Wir können hiermit für den 1. - 2. September 2012 einen Kurs mit ihm anbieten über 'LUMBOPELVIC MOTOR CONTROL: an integrated approach to clinical assessment and treatment of motor control dysfunction in low back pelvic pain'. Zusammen mit anderen australischen Wissenschaftlern hat Paul Hodges in den letzten zwei Jahrzehnten die Grundlagen gelegt für das heute sehr populäre Konzept der 'segmentalen Stabilisation'. Dank vieler spannender neuer zusätzlicher Erkenntnisse hat sich dieses Konzept jedoch in den letzten Jahren enorm weiter bewegt, und viele der ursprünglichen Konzepte mussten revidiert, verfeinert oder umgeschrieben werden. Gute Nachricht: im Gegensatz zu der kurz nach diesem Wochenende beginnenden 'Fascia Research Summer School' bei uns sind in dem erst vor kurzem angekündigten Workshop mit Paul Hodges derzeit noch Teilnehmer Plätze frei. Mehr Info unter:

http://www.uni-ulm.de/med/medneurophysiology/bildungsangebote/lumbopelvic-motor-control.html

spacer

Soweit die aktuellen Neuigkeiten aus dem international Fascianado-Netzwerk, aus der Perspektive unserer kleinen Ulmer Forschungsgruppe

Mit faszinalen Grüßen
Dr. Robert Schleip
und das Fascia Research Team

Abmelden | online lesen